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Folge 1 zum Nachlesen

Transkript

Der Text folgt der gesprochenen Fassung und wurde für eine bessere Lesbarkeit gegliedert.

Ein Leben mit begrenzten Möglichkeiten

Stell dir vor, du wirst in eine Welt hineingeboren, in der ein einziges Gesetz deinen kompletten Lebensweg festlegt. Und zwar zu deinen Ungunsten. Ja, das ist wirklich ein denkbar schlechter Start. Absolut. Also von der allerersten Sekunden an steht fest, du wirst keinen Quadratmeter Land erben. Einfach gar nichts. Und deine prägenden Jahre verbringst du dann auch nicht damit, irgendwie in Ruhe einen Plan B zu schmieden. Nein. Du steckst mitten in einem Weltkrieg. Ja, das war damals die bittere Realität. Feindliche Truppen ziehen Maro Dierend durch deine Heimat und du musst buchstäblich im Wald überleben. Und da fragt man sich doch, wie schafft man es aus so einer totalen Perspektivlosigkeit heraus, ein Imperium aufzubauen? Ein Imperium, das am Ende so einflussreich wird, dass sogar ein ganzes Stadttor nach dir benannt wird. Das ist wirklich ein Rätsel, das auf den ersten Blick fast unlösbar scheint. Richtig. Aber wenn wir uns die historischen Mechanismen mal ganz genau ansehen, dann erkennen wir, wie extreme Krisenzeiten Menschen zu so extremen und oft richtig genialen strategischen Zügen zwingen. Und genau das dröseln wir heute auf. Wir kommen zu diesem tiefen Einblick in eine Familiengeschichte, die ja die eigentlich mehr Drama und Wendungen bietet als so mancher Hollywood-Filmen. Schön, dass du dabei bist. Hallo auch von mir, wir haben heute echt spannendes Material dabei. Oh ja, wir haben hier einen dicken Stapel historischer Quellen liegen. Das reicht von alten Familienkroniken über detaillierte Forschungsberichte bis hin zu einem total faszinierenden Dokument aus dem Jahr 1795. Genau, die berühmte Essener Früchte-Liste. Richtig. Und mit diesen Dokumenten rekonstruieren wir heute das Leben von Georg Heinrich Friemann, der lebte von 1736 bis 1809. Und natürlich auch das Leben seiner Frau Anna Gertrud Grüggel. Lass uns am besten direkt ins Jahr 1736 springen.

Herkunft und Anerbenrecht

Guter Startpunkt, da sind wir in Altenbochum im heutigen Ruhrgebiet. Genau. Georg Heinrich kommt dort im Juni zur Welt. Er stammt aus einer eigentlich sehr angesehenen Familie der bäuerlichen Oberschicht. Seine Eltern haben also einen guten Stand. Aber als ich die Unterlagen so durchgegangen bin, bin ich direkt über ein Detail gestolpert. Georg ist das fünfte Kind. Er ist ein sogenanter nachgeborener Sohn. Und das schien damals ein riesiges Problem zu sein. Warum eigentlich? Weil in Westfalen zu dieser Zeit das sogenannte Anerbenrecht herrschte. Das war so ein eisernes Korsett für die ländliche Gesellschaft damals. Und das hieß konkret? Im Kern bedeutete das einfach. Der Hof und das gesamte dazugehörige Land durften auf gar keinen Fall aufgeteilt werden. Der älteste Sohn oder in manchen Regionen auch die älteste Tochter je nach genauer Ausprägung erbte den Hof als absolut geschlossene Einheit. Das heißt die jüngeren Geschwister, also diese nachgeborenen, die gingen einfach komplett leer aus. Genauso ist es. Komplett leer. Puh. Also das klingt aus heutiger Sicht wie so ein brutal unfaires Winner takes all System. Der Erstgeborene zieht den familiären Jackpot und die vier oder fünf anderen Kinder haben einfach Pech gehabt. Ja, das wirkt erst mal total ungerecht. Warum hat eine Gesellschaft so ein System überhaupt etabliert? Ich meine, das treibt doch den Großteil der eigenen Kinder direkt in die Armut. Um das zu verstehen, müssen wir uns ansehen, was denn die Alternative war. Gucken wir zum Beispiel mal ins benachbarte Rheinland. Okay, was war da anders? Dort herrschte oft die sogenannte Realteilung. Das heißt, wenn die Eltern starben, wurde der Hof zu exakt gleichen Teilen unter allen Kindern aufgeteilt. Klingt auf dem Papier ja wahnsinnig fair. Ja, auf dem Papier. Aber überleg mal, was das über drei, vier Generationen hinweg bedeutet. Ja gut, wenn jeder immer nur ein Stückchen vom Kuchen bekommt, sind die Stücke irgendwann so winzig, dass man davon nicht mehr satt wird. Exakt, genau das ist passiert. Die landwirtschaftlichen Flächen wurden durch diese Realteilung immer weiter zerstückelt. Irgendwann waren die Parzellen so klein, dass schlichtweg keine Familie mehr davon leben konnte. Krass. Das Resultat war eine massive flächendeckende Verarmung der gesamten Region. Und das Erbenrecht in Westfalen war im Grunde die harte, aber sehr pragmatische Lösung dafür. Man hat also quasi die Lebensperspektive der jüngeren Geschwister geopfert, um den Hof als starkes Unternehmen zu erhalten. Genau so kann man das sagen. Ein ungeteilter Hof konnte stabil Steuern zahlen, Abgaben an die Grundherren leisten und vor allem Krisen überstehen. Das leuchtet wirtschaftlich total ein. Aber für unseren Georg Heinrich, der nun mal die Nummer fünf in der Geburtsreinfolge ist, ist das natürlich eine absolute Katastrophe. Definitiv. Was macht man denn dann als ehrgeiziger junger Mann im 18. Jahrhundert? Man kann ja schlecht ins Silicon Valley ziehen und ein Startup gründen. Nein, die Optionen waren extrem überschaubar. Man bekam oft eine kleine Abfindung, also ein Partaler oder vielleicht etwas aussteuer und dann hieß es, sie zu, wie du klar kommst. Wahnsinn. Viele haben sich als Knechte auf anderen Höfen verdingt, einen Handwerk gelernt oder sie sind ins Militär eingetreten. In späteren Generationen gingen viele dann in den Bergbau. Das System erzwang also eine unglaubliche Mobilität, oder? Absolut. Wer als Nachgeborener nicht in der völligen Bedeutungslosigkeit versinken wollte, musste zwingend raus aus seiner Komfortzone. Man musste Chancen suchen, wo eigentlich gar keine waren. Und als ob dieser gesellschaftliche Gegenwind nicht schon reichen würde, zieht in Georgs 20er auch noch ein echter Sturm auf.

Der Siebenjährige Krieg als zeitlicher Hintergrund

Wir schreiben jetzt die Jahre 1756 bis 1763, der Siebenjährige Krieg. Oh ja, eine ganz dunkle Zeit. In den Quellen liest man ja oft von Kriegen als etwas abstrakte. Aber das hier war kein Konflikt, der irgendwo weit weg auf dem Globus stattfand. Das Ruhrgebiet lag quasi direkt an der Frontlinie, richtig? Es war das absolute Chaos dort. Das Fürstbistum Essen, zu dem diese Region gehörte, wurde von französischen Truppen besetzt. Und gleichzeitig standen nördlich der Ruhr britische, braunschweigische und hanoverische Truppen. Das Gebiet war ein militärischer Korridor und teilweise eine hart umkämpfte Demakationslinie. Für die Zivilbevölkerung hieß das wahrscheinlich nichts Gutes. In erster Linie bedeutete es systematische Ausbeutung. Wie muss ich mir das konkretem Alltag vorstellen? Die Armee zieht durch und nimmt sich einfach, was sie will? Genau so. Die Militärlogistik hat damals fast ausschließlich über Requisitionen funktioniert. Die Armeen ernährten sich direkt aus dem Land, dass sie gerade besetzt hielten. Sie haben die Bauern also quasi ausgeraubt? Ja, sie erpressten sogenannte Kontributionen. Das waren oft horrende Geldzahlungen und konfizierten Lebensmittel, Pferde und Wagen. Es gibt echt dramatische Zeitzeugenberichte aus der Region. Ich habe da was von verstecken Kühen im Wald gelesen. Ja, genau. Die Bauern mussten ihr wertvollstes Hab und Gut, vor allem ihr Vieh, wochenlang in den tiefen Wäldern verstecken. Nur so konnten sie verhindern, dass es von durchziehenden Truppen einfach geschlachtet wurde. Es herrschte eine ständige lähmende Angst vor Gewalt. Unglaublich. 1761 zum Beispiel haben hanoferische Truppen das benachbarte Dorsten einfach in Brand geschossen. Die öffentliche Ordnung war komplett zusammengebrochen. Okay, und an diesem Punkt in den Akten bin ich wirklich hängeblieben. Georg ist in seinen 20ern, er hat kein Land, kein Geld und draußen brennt buchstäblich die Welt. Ja, die Lage war aussichtslos. Und was macht er? Am 15. Juli 1760 marschiert

Die Heirat mit Anna Gertrud Grüggel

er gemütlich in die St. Laurentius-Kirche in Essenstile und heiratet. Aber er heiratet nicht irgendein junges Mädchen aus dem Nachbardorf. Seine Braut ist Anna Gertrud Grüggel. Sie ist 35 Jahre alt, also ein ganzes Stück älter als er. Sie ist Witwe. Und das ist für mich der absolut springende Punkt. Sie bringt bereits fünf Kinder aus ihrer ersten Ehe mit. Ja, das ist ein bemerkenswertes Detail. Ernsthaft, wie kommt so eine Verbindung zustande? Warum stimmt diese Frau zu und vor allem, warum bindet sich ein mittelloser Typ Mitte 20 direkt so einen riesigen Familienapparat ans Bein? Das ist genau der Moment, in dem Mikrogeschichte so unglaublich faszinierend wird, weil sie uns nämlich zeigt, wie Überlebenstrategien in der Praxis wirklich aussahen. Okay, erklär mal. Krisen und Kriege verschieben die Machtverhältnisse enorm. Anna Gertrud war die Witwe von Johann Albert Schulte Ising. Sie saß also auf einem der wichtigsten Höfe der Gegend. Aber sie war allein. In einer Zeit, wo marodierende Soldaten durch die Dörfer zogen. Richtig. Sie brauchte zwingend einen handlungsfähigen, kräftigen Mann. Jemanden, der den Hof nach außen verteidigen konnte, der die Knechte führen und die harten Verhandlungen mit Militärs und Grundherren übernehmen konnte. Sie brauchte also im Grunde einen Manager und Beschützer in Personalunion? Ganz genau. Und Georg Heinrich brauchte Land. Er war der klassische, besitzlose Zweitgeborene. Diese Heirat war quasi sein einziges Ticket aus der Bedeutungslosigkeit. Ein krasser Deal. Durch dieses Jahrwort in der Kirche übernahm er die Stellung als sogenannte Aufsitzer auf dem Hof Schulte Ising in Kray-Leithe.

Aufsitzer und Hofname

Ein Aufsitzer? Ist das sowas wie ein Pechter? Ja, eine Art Pechter, aber mit sehr starken, oft erblichen Rechten. Mit einem Schlag wurde Georg vom absoluten Nichts zum angesehenen Schulte. Was genau bedeutet das eigentlich? Ein Schulte zu sein? Ist es einfach nur ein Bauer mit ein bisschen mehr Land? Es ist viel mehr als das. Ein Schulte war traditionell der Vorsteher eines Dorfes oder einer Bauerschaft. Er war der Verwalter im Auftrag des Grundherren. Also in diesem Fall im Auftrag des Oberhofs Nünning, richtig? Genau. Er genoss immenses soziales Prestige und hatte juristische sowie administrative Pflichten. Dieser gesellschaftliche Aufstieg für Georg war so gewaltig, dass er sogar seine eigene Identität aufgab. Wie meinst du das? Er nannte sich fortan Fremann genannt Schulte Ising oder unterschrieb in Dokumenten einfach als Fremann Gen Ising. Der Name des Hofes war auf einmal viel wichtiger als sein Geburtsname. Der Hof war die Marke, die Macht und Stabilität ausstrahlte. Das ist wirklich ein unfassbarer strategischer Schachzug von beiden Seiten. Aber lasst

Die Vorgeschichte des Hofes Schulte Ising

uns mal kurz über diesen Hof selbst sprechen. Gerne. Als ich die Forschungsberichte über die Vorgeschichte des Hofes Schulte Ising gelesen habe, dachte ich echt, ich lese das Drehbuch für so einen düsteren historischen Thriller. Georg, er habt da ja nicht nur ein paar Hektar Ackerland. Nein, ganz um gar nicht. Er erbt eine Institution und die hat eine extrem dunkle, fast schon mythische Vergangenheit. Ja, die Geschichte des Hofes ist von tiefer brutaler Gewalt geprägt. Wir müssen dafür mal kurz knapp 170 Jahre zurückspringen ins Jahr 1586. Damals tobte der truchsessische Krieg, der eng mit dem 80-jährigen Krieg und dem Aufstand der Niederlande verknüpft war. Die Region war damals ständiger Schauplatz von riesigen Söldnerhären. Und in diesem Jahr 1586 fielen dann spanische Truppen in Stile ein. Wichtig. Und die Berichte darüber, die sind echt nichts für schwache Nerven. Sie überfallen diesen Isingshof. Sie töten den Bauern Heinrich Ising und seinen Sohn. Und dann, und das hat mich beim Lesen wirklich komplett schockiert, schneiden sie der Ehefrau bei lebendigen Leib die Nase ab. Das ist unfassbar grausam. Und danach brennen sie den gesamten Hof bis auf die Grundmauern nieder. Das ist doch pure, gezielte Zerstörung. Das war psychologische Kriegsführung im 16. Jahrhundert. Man wollte nicht einfach nur plündern. Man wollte die Zivilbevölkerung regelrecht terrorisieren und jeglichen Widerstand im Keim ersticken. Wahnsinn. Und das Erstaumliche ist, was danach passiert. Ein Überlebender aus der Familie, Johann zu Schulte Ising, baut diesen Hof aus der Asche komplett wieder auf. Was für ein Kraftakt. Es muss unvorstellbar schwer gewesen sein. Und dann, nur ein Jahr später, 1587, steht schon die nächste Truppe vor der Tür. Diesmal unter einem spanischen Kapitän namens Immanuel da Vega. Und die greifen den Hof direkt erneut an. Das ist doch genau der Moment, in dem ich als normaler Mensch sagen würde, okay, reicht, ich packe meine Sachen. Dieser Ort ist verflucht, ich ziehe weg. Ja, das würde man heute so machen. Warum klammert man sich an einen Hof, der so offensichtlich eine Zielscheibe ist? Warum baut man das immer und immer wieder auf? Weil Land, wie wir vorhin beim Anerbenrecht schon besprochen haben, die absolute Basis der Existenz war. Du konntest nicht einfach in die nächste Stadt ziehen und einen gemütlichen Bürojob annehmen. Stimmt auch wieder. Land aufzugeben bedeukerte den sozialen und oft auch den physischen Tod. Aber da steckt noch mehr dahinter. Durch dieses unglaubliche Durchhaltevermögen, durch das ständige Wiederaufbauen aus der Asche, entstand eine Art lokaler Mythos. Eine Legende quasi. Genau. Der Name Schulte Ising stand fortan für absolute unerschütterliche Resilienz. Es war der Beweis, uns kriegt ihr einfach nicht klein. Und genau dieses institutionelle Gewicht, dieses Erbe einer so hartnäckigen Überlebenskunst, das kaufte sich Georg Heinrich fast zwei Jahrhunderte später mit seiner Einheirat ein. Perfekt zusammengefasst. Er übernimmt also nicht nur ein Stück Land, sondern das Prestige einer Familie, die bewiesen hat, dass sie selbst die Apokalypse übersteht. Und wie verdammt gut Georg und Anna Gertrud diese Institution dann weitergeführt haben, das sehen wir in einem

Ein großer Hofhaushalt im Jahr 1795

Dokument, das wir bereits ganz am Anfang erwähnt haben. Die Essener-Früchte-Liste aus dem Jahr 1795. Da war Georg dann knapp 60 Jahre alt. Genau. Und dieses Dokument, das ist ein fantastisches Dokument aus dem Hauptstaatsarchiv des Heldorf. Es gibt uns eine extrem seltene, detaillierte Momentaufnahme des damaligen Lebens. Der Anlass für diese Liste war ja eigentlich tragisch. Es gab eine schwere Hungersnot und die Verwaltung des Stifts Essen wollte rigoros erfassen, wie viele Menschen in der Region überhaupt versorgt werden müssen. Man musste das Getreide ganz strikt einteilen. Und da taucht dann eben unser Hof Schulte Ising in Kray-Leithe auf. Und die Haushaltsgröße, die da aufgelistet wird, die hat mich wirklich umgehauen. Lass hören. Da leben zwei Männer, zwei Frauen, vier Söhne, vier Töchter, sieben Knechte und fünf Mägte. Das macht exakt 24 Personen. Ja. Ein einziger Haushalt. Wie muss man sich das vorstellen, das ist doch kein gemütliches kleines Bauernhaus mehr am Waldrand? Nein, überhaupt nicht. Das war ein industrielles Ausmaß in einer eigentlich vorindustriellen Welt. Um zu verstehen, was das bedeutet, müssen wir uns echt von dieser romantischen Vorstellung des einfachen idyllischen Bauernlebens verabschieden. 24 Menschen jeden Tag zu ernähren? Mhm. Zu kleiden, zu koordinieren und produktiv einzusetzen, das ist ein absoluter logistischer Albtraum, wenn man nicht extrem gut organisiert ist. Also war Georg Heinrich zu der Zeit eigentlich weniger Landwirt und mehr, naja, Geschäftsführer. Er war praktisch der CEO eines mittelständischen Unternehmens. Überlegt doch mal, was sieben Knechte und fünf Mägte an tägliche Arbeitskraft bedeuten. Das ist eine kleine Fabrik. Was haben die den ganzen Tag gemacht? Auf so einem Hof wurde fast alles selbst produziert. Man musste regelmäßig Schlachten, das Fleisch pökeln und räuchern. Man musste täglich riesige Mengen Brot backen. Wahrscheinlich auch Bierbrauen oder das Wasser war ja oft nicht sicher. Genau, Bierbrauen gehörte oft dazu. Dann natürlich die riesigen Felder bestellen, die Ernte einbringen, Vorräte für den Winter anlegen, Kleidung reparieren. Das hört ja gar nicht auf. Und das alles, während man als Schulter noch Abgaben kalkulieren und administrative Aufgaben für die Obrigkeit erledigen musste. Anna Gertrudt und Georg Heinrich haben diesen Hof wirklich zu einer massiven logistischen Maschine hochgezogen.

Isinger Mühle und Isingertor

Und sie waren ja nicht mal nur auf die Landwirtschaft beschränkt. Richtig. Die Quellen zeigen, dass sie ihr Portfolio, um mal in dieser modernen Unternehmenssprache zu bleiben, ziemlich clever diversifiziert haben. Ja, das haben sie absolut. Zu dem Hof gehörte nämlich noch ein ganz entscheidendes Asset. Ganz genau. Zum Besitz des Hofes gehörte schon seit 1667 die sogenannte Isinermühle. Aha. Und auch damals galt schon, Lage ist alles. Diese Mühle stand nicht einfach irgendwo versteckt an einem kleinen Bach im Wald. Sie lag strategisch extrem günstig, direkt vor dem westlichen Stattor von Essenstile. Das war doch diese Gegend an der Knopsportai, wo der berühmte Hellweg entlang lief, oder? Richtig. Der Hellweg war die wichtigste mittelalterliche und frühneuzeitliche Ost-West-Handelsroute in der gesamten Region. Okay, das ist natürlich Premiumlage. Eine Mühle an so einem Verkehrsknotenpunkt zu besitzen. Das war fast wie eine Lizenz zum Geld drucken. Bauern aus dem ganzen Umland, die er Getreidemahlen lassen wollten, mussten dorthin kommen. Das heißt, das spüllte stetige Einnahmen in die Kassen des Isingshofes, die komplett unabhängig von der reinen Ernte auf dem Feld waren. Exakt. Es cementierte ihre wirtschaftliche Macht in der Region. Und diese wirtschaftliche Dominanz war offensichtlich so spürbar, dass sie sich buchstäblich in die Landkarte eingebrannt hat. Weil diese Mühle der Familie Ising gehörte, begann die Bevölkerung irgendwann, das westliche Stattor von Stiel, einfach das Isingertor zu nennen. Ja. Die haben einfach die Geografie der Stadt nach sich benannt. Das ist genau der Punkt, an dem aus Mikrogeschichte plötzlich Makrogeschichte wird. Ein besitzloser, enterbter, nachgeborener Sohn, heiratet strategisch schlau, baut einen fast zerstörten Hof aus und die wirtschaftliche Strahlkraft seiner Familie wird so enorm, dass die städtische Infrastruktur ihren Namen annimmt. Wirklich faszinierend. Und das Verrückte ist ja, obwohl die Isinger Mühle und das historische Tor im Jahr 1842 bei einem richtig großen Brand komplett zerstört wurden, hat sich der Name bis heute gehalten. Genau, die Straße dort in Essen heißt bis heute Isingertor. Wenn wir also mal einen Strich unter dieses Leben ziehen.

Spuren, die im Ortsbild bleiben

Georg Heinrich Friemann startet 1736 mit absolut nichts. Das Gesetz hat ihn quasi enterbt. Der Krieg droht ihm alles zu nehmen, was er sich überhaupt erhoffen kann. Und anstatt einfach aufzugeben, nutzt er das Chaos seiner Zeit? Er geht eine super pragmatische Allianz mit einer starken Witwe ein. Sie übernehmen einen Hof, dessen Vorbesitzer Generation zuvor grauenhaftes erlebt haben und sie verwandeln ihn in einem 24-Pirip für Großbetrieb. Sie dominieren den lokalen Handel und hinterlassen einen Namen, der noch heute, Jahrhunderte später auf Straßenschildern steht. Also wenn das keine Masterclass in Anpassungsfähigkeit ist, dann weiß ich auch nicht. Das ist es wirklich. Und es erinnert uns an etwas sehr Grundlegendes, das sich unseren Hörern gerne als Gedanken mitgeben möchte. Gerne. Wenn du das nächste Mal durch deine Stadt gehst und auf ein scheinbar unscheinbares Straßenschild schaust, wie eben das Isingertor, dann mach dir mal bewusst, dass das nicht einfach nur ein banaler Orientierungspunkt für dein Navi ist. Unter diesem Asphalt, hinter diesen Namen, verbergen sich oft gewaltige historische Dramen. Da liegen Weltkriege, zerstörte Existenzen, archerische Gesetze und die unglaublich trotzigen Lebensentscheidungen von Menschen, die sich einfach geweigert haben, aufzugeben. Wow, ja. Die Geschichte ist nicht tot. Sie bildet buchstäblich das unsichtbare Fundament, auf dem wir jeden Tag unseren Weg gehen. Ein großartiger starker Gedanke zum Abschluss. Die unsichtbaren Baupläre unserer Städte gezeichnet von den Überlebenskünstlern der Vergangenheit. Besser hätte ich es nicht sagen können. Vielen Dank, dass du uns heute auf dieser intensiven Reise durch die Quellen begleitet hast. Wir hoffen, du konntest genauso viele spannende Erkenntnisse mitnehmen wie wir. Bis zum nächsten Tiefeneinblick.